Die Alpen sind voller Straßen, auf denen seit Jahrzehnten kaum noch jemand fährt: alte Militärwege, Almstraßen, aufgelassene Passtrassen. Genau dafür ist ein Gravelbike gebaut. Hier sind sechs Reviere zwischen Alpenvorland und Hochgebirge, dazu das, was du über Regeln, Reifen und Übersetzung wissen solltest.

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Sechs Reviere für Gravel
Via Claudia Augusta: die sanfte Überquerung
Donauwörth bis Verona/Venedig · Alpenteil ab Füssen ca. 300 km · gut ausgeschildert
Die alte Römerstraße ist die leichteste Art, mit dem Rad über die Alpen zu kommen. Der Weg folgt Lech, Inn und Etsch, wechselt zwischen Asphalt und feinem Schotter und umgeht die steilen Rampen weiträumig. Am Fernpass und am Reschen helfen auf Wunsch Shuttlebusse über die zähsten Stücke (Stand prüfen). Mit Gravelreifen fährst du die Strecke komplett, ohne einmal auf eine Bundesstraße zu müssen. Für die erste mehrtägige Tour mit Gepäck gibt es nichts Besseres.
Strada dell’Assietta: der Höhenweg im Piemont
ca. 35 km Schotter zwischen Colle delle Finestre und Sestriere · durchgehend über 2.000 m
Ein Kammweg auf über 2.000 Metern, kilometerlang, mit Blick über die Cottischen Alpen: Die Assietta-Kammstraße ist der Gravel-Klassiker der Westalpen. Dazu gehört meist die Auffahrt über den Colle delle Finestre (2.176 m), dessen obere Schotterkehren vom Giro d’Italia berühmt sind. Im Hochsommer ist die Kammstraße an bestimmten Tagen für Motorfahrzeuge gesperrt und gehört dann Wanderern und Radfahrern (Termine Stand prüfen). Nichts für den ersten Ausritt: Die Höhe, die Länge und das Wetter verlangen Bergerfahrung.
Tremalzo und Ledrosee: Militärstraße über dem Gardasee
Passo Tremalzo 1.694 m · alte Militärstraße mit Tunneln · Start am Ledrosee
Die Straße zum Tremalzo wurde im Ersten Weltkrieg in den Fels gesprengt und ist seitdem kaum verändert: grober Schotter, unbeleuchtete Tunnel, Kehren am Abgrund. Oben öffnet sich der Blick über die Gardaseeberge, und die lange Schotterabfahrt gehört zum Besten, was man mit einem Gravelbike machen kann. Licht mitnehmen für die Tunnel, und die Reifen nicht zu schmal wählen.
Alpenvorland in Bayern: Kieswege und Klosterrunden
Fünf-Seen-Land, Pfaffenwinkel, Murnauer Moos · flach bis wellig · ganzjährig fahrbar
Man braucht keine 2.000er, um gut Gravel zu fahren. Zwischen Ammersee und Starnberger See liegt ein dichtes Netz aus Kies- und Feldwegen, das sich zu Runden jeder Länge verbinden lässt, mit Bergblick am Horizont und einem Biergarten an jeder zweiten Ecke, etwa am Kloster Andechs. Das Murnauer Moos südlich davon ist eine der schönsten flachen Schotterrunden Bayerns. Ideal fürs Frühjahr und den Herbst, wenn die Hochlagen noch oder schon wieder im Schnee liegen.
Salzkammergut: Seen und Almstraßen
Attersee, Fuschlsee, Wolfgangsee · Uferwege und freigegebene Almstraßen
Im Salzkammergut reihen sich die Seen so dicht, dass sich Uferwege, ruhige Nebenstraßen und freigegebene Almstraßen zu Touren jeder Größe verbinden lassen. Die Runden um Attersee und Fuschlsee sind gemütlich, wer Höhenmeter will, hängt eine Almauffahrt an. Wichtig ist hier wie überall in Österreich: auf die Beschilderung achten, dazu unten mehr.
Engadin: Hochtal mit Weitblick
St. Moritz, Inn-Wege, Seenplatte · Basis auf 1.800 m
Das Oberengadin liegt so hoch, dass man ohne einen einzigen Pass den ganzen Tag über 1.700 Metern unterwegs ist. Die Wege entlang von Inn und Seenplatte sind bestens fahrbar, und wer mehr will, nimmt Richtung Berninapass Höhe auf, mit Blick auf Gletscher und die Trasse der Berninabahn. Die Saison ist kurz, dafür ist die Luft im Hochsommer angenehm kühl.
Regeln und Fairness im Gelände
- Österreich: Forststraßen sind für Radfahrer grundsätzlich gesperrt, außer sie sind ausdrücklich freigegeben. Die freigegebenen Strecken sind beschildert, viele Regionen haben eigene Routennetze. Beschilderung ernst nehmen, es geht dabei auch um Jagd und Forstarbeit.
- Bayern: Hier gilt das freie Betretungsrecht, geeignete Wege dürfen befahren werden, solange nichts anderes ausgeschildert ist.
- Südtirol und Trentino: Meist großzügig, aber lokal geregelt. Sperrschilder gelten auch für Räder.
- Auf der Alm: Weidevieh hat Vorrang. Langsam vorbei, Abstand zu Kälbern, jedes Gatter so hinterlassen, wie du es vorgefunden hast.
- Wanderwege: Schmale Steige sind Wandergebiet. Gravel gehört auf Wege mit Fahrbreite, das erspart allen Ärger.
Rad und Setup
- Reifen: Für alpinen Schotter sind 40 bis 45 mm eine gute Breite, tubeless und mit etwas Profil. Schmaler wird auf grobem Untergrund schnell unkomfortabel.
- Übersetzung: Schotterrampen fahren sich deutlich schwerer als Asphalt gleicher Steigung. Ein sehr kleiner Gang (Untersetzung unter 1:1) ist in den Alpen kein Luxus.
- Ersatz: Schaltauge, Schlauch (auch bei Tubeless), Multitool mit Kettennieter. Auf Militärstraßen kommt kein Servicewagen.
- Navigation: Track vorher planen und offline speichern, im Gebirge ist der Empfang lückenhaft.
- Mehrtages-Touren: Rahmentasche und Satteltasche statt Rucksack, der Rücken dankt es auf jeder Abfahrt.
Häufige Fragen
Geht das auch mit dem Rennrad und breiten Reifen?
Auf der Via Claudia und im Alpenvorland ja, mit 32 bis 35 mm und etwas Gelassenheit. Für Militärstraßen wie Tremalzo oder Assietta ist grober Schotter die Regel, dort bist du mit einem echten Gravelbike und 40+ mm deutlich sicherer unterwegs. Für Asphalt-Klassiker lohnt der Blick auf unsere Rennrad-Alpenpässe.
Welche Jahreszeit passt am besten?
Hochlagen wie Assietta oder Tremalzo sind etwa von Juli bis September verlässlich schneefrei (Stand prüfen). Alpenvorland und Seenrunden gehen von Frühjahr bis in den Spätherbst.
Und mit dem E-Gravel?
Die Reviere funktionieren alle auch mit Motor, auf langen Hochtouren wird dann die Reichweite zum Planungsthema. Lademöglichkeiten gibt es fast nur im Tal.
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